Neben den vielen Vorteilen, die das Üben von Gong Fu mit sich bringt, war es die physische und psychische Strukturverbesserung, die bei mir einschlug, wie der Blitz über den Wolken
Bevor ich Gong Fu lernte, hatte ich bereits einige Jahre Erfahrung mit Qi Gong, Wu Tai-Chi, Yang Tai-Chi und Wu Chi Chuan gemacht und auch eine regelmäßige Übungspraxis. Ich hatte mich bereits entschieden, dass die „inneren Künste“ „mein Ding“ waren und ich sie „ein Leben lang“ praktizieren wollte. Das lag vor allem an den gesundheitlichen Vorteilen, die ich durch das Üben erreichte.

Ich hatte lange Zeit eine eher schwache Konstitution, hatte zahlreiche Allergien, Probleme mit den Bronchien, mit der Haut etc. Wahrscheinlich weil ich durch die häufigen Erkrankungen in meiner Kindheit viel Zeit zum Nachdenken hatte, hatte ich mich zu einem sehr „nachdenklichen Typen“ entwickelt, der überhaupt nicht meinem Alter entsprach. Mein Leben war etwas chaotisch, was mir in meiner Familie den Beinamen „zerstreuter Professor“ eingebracht hatte. Allerdings war ich auch aufbrausend und neigte zur Aggression.

Die Praxis des Qi Gong, Tai-Chi und später Wu Chi haben dafür gesorgt, dass meine Atemprobleme weniger und die Allergien immer unwichtiger wurden. Außerdem wurde ich viel ruhiger und entspannter. Doch etwas, dass blieb, war meine sehr „verkopfte“ Art. Tai-Chi und Qi Gong hatten bereits bewirkt, dass mein Energiefluss in Ordnung kam und vor allem direkt nach dem Training spürte ich große Freude und Vitalität. Allerdings lief ich weiter „wie auf Wolken“ durch die Gegend, der sanfte Energiefluss der fließenden Übung bewirkten ein neues „High“ bei mir. Gong Fu sollte mich davon befreien.

Das ich mit Gong Fu anfing, war völlig ungeplant. In der Zeit, wo ich mit dem Tai-Chi anfing, war das Angebot an guten Tai-Chi Schulen und guten Lehrern in meiner Stadt sehr begrenzt. Es gab vielleicht drei oder vier regelmäßige Kurse oder „Schulen“ und noch einige Menschen, die für sich in privaten Gruppen übten. Über einen Freund, der (meine gesamte Kindheit hindurch) in der Nachbarwohnung meiner Eltern gewohnt hatte, wurde ich einem Wu Chi Chuan Lehrer aus der Nachbarschaft vorgestellt, der in seinem Wohnzimmer eine kleine private Trainingsgruppe leitete. Dort wurde Wu Chi Chuan in der Tradition von Großmeister Chee Kim Thong geübt, welches er direkt von Chee Kim Thong auf jährlich in Europa stattfindenden Sommercamps gelernt hatte.

Nach ca. einem oder eineinhalb Jahren Training im Wu Chi Chuan fragte er mich, ob ich mit auf das Sommercamp des Shaolin Wu Chi Chuan & Wu Chu e.V. kommen wolle. Es war im Jahr 2004 oder 2006. Dort gab es im Grunde zwei Trainingsgruppen. Eine Gruppe von jüngeren und Jugendlichen aus der Schweiz übte Gong Fu und eine Gruppe der langjährigen Studenten GM Chee Kim Thong‘s übten vornehmlich „Wu Chi Chuan“, „Old Man Sets“ und Qi Gong. Ganz natürlich ordnete ich mich der Gruppe der jüngeren Studenten zu, ohne vorher zu wissen, was mich dort erwartet. Und so kam es, dass ich in diesem Camp die erste und zweite Form des „Ngo Chor Kun“ (Nan-Shaolin-Wuzuquan) lernte.

Im Gegensatz zum Wu Chi Chuan, das in einem weitgehend ununterbrochenen meditativen Fluss geübt wird (Flow-Methode), zeichnet sich das Ngo Chor durch simple, klar definierte Bewegungen aus und wird schneller „gespielt“. Dabei wird großer Wert auf die genaue Körperstruktur in der Bewegung gelegt und an verschiedenen Stellen kommt es zur lockereren (ohne Muskelanspannung) Kraftentfaltung (Force-Methode).

Diese Form der Kampfkunst war für mich eine komplett neue Erfahrung: Ich konnte zwar weiterhin deutlich eine Steigerung meines Energielevels spüren, doch war diese Energie eher wie Instant Kaffee, direkt und kraftvoll. Die beiden Gong Fu Sets dauerten in der Ausführung weniger als 2 Minuten, jedoch spürte ich jedes Mal sofort eine Veränderung im Energielevel meines Körpers und meines Geistes. Um die Klarheit und Genauigkeit in der Bewegung im schnellen Bewegungsablauf hinzubekommen, brauchte ich eine neue geistige Präsenz. Das schlug bei mir ein wie der Blitz über den Wolken.
In der Folge veränderte sich auch meine Praxis des Wu Chi Chuan, was „sauberer“ wurde und eine klare Struktur bekam, welche die Grundlage aller Bewegungsformen wurde. Meine komplette Körperwahrnehmung veränderte sich und auch im seelischen Bereich konnte ich feststellen, dass ich nicht mehr so lange grübelte, bis ich eine Entscheidung traf und dass sich auch in meinen Alltag mehr Struktur einschlich. Wahrscheinlich wäre mir damals nie eingefallen, dass zu langes durchdenken einer wichtigen Entscheidung sinnlos ist oder dass meinem chaotischen Alltag etwas mehr Struktur guttun würde. Insofern war das unerwartete Geschenk des Gong Fu tatsächlich der plötzliche Blitz über den Wolken, der mein Leben veränderte.

© Christian Syrbe 2020